Kurt Tucholsky und so.

October 29th, 2008

In mehren Blogs heißt es, besagtes Gedicht von Kurt Tucholsky zur Finanzkrise sei gar nicht von selbigen. Und ich glaube, dass könnte sogar stimmen - denn Nomen wie Leerverkauf oder Derivat scheinen mir doch arg modern, als dass sie Tucholsky in einem Gedicht von 1930 verwendet haben dürfte. Vielmehr wurde das Gedicht von Richard G. Kerschhofer erstmals hier veröffentlicht. Dazu auch die Frankfurter Rundschau.


Kurt Tucholsky zum Vergnügen, Reclam, 4,00 Eur

Wie dem auch sei gibt’s zur Entschädigung “Ratschläge für einen schlechten Redner”, welche mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit von Kurt Tucholsky stammen:

Ratschläge für einen schlechten Redner
Kurt Tucholsky, 1930

Fang nie mit dem Anfang an, sondern immer drei Meilen vor dem Anfang! Etwa so: „Meine Damen und meine Herren! Bevor ich zum Thema des heutigen Abends komme, lassen Sie mich Ihnen kurz…“
Hier hast du schon so ziemlich alles, was einen schönen Anfang ausmacht: eine steife Anrede; der Anfang vor dem Anfang; die Ankündigung, dass und was du zu sprechen beabsichtigst, und das Wörtchen kurz. So gewinnst du im Nu die Herzen und die Ohren der Zuhörer. Denn das hat der Zuhörer gern: dass er deine Rede wie ein schweres Schulpensum aufbekommt; dass du mit dem drohst, was du sagen wirst, sagst und schon gesagt hast. Immer schön umständlich! Sprich nicht frei – das macht einen unruhigen Eindruck. Am besten ist es: du liest deine Rede ab. Das ist sicher, zuverlässig, auch freut es jedermann, wenn der lesende Redner nach jedem viertem Satz misstrauisch hochblickt, ob auch noch alle da sind.

Wenn du gar nicht hören kannst, was man dir so freundlich rät, und du willst durchaus und durchum frei sprechen … du Laie! Du lächerlicher Cicero! Nimm dir doch ein Beispiel an unsern professionellen Rednern, an den Reichtagsabgeordneten – hast du die schon mal frei sprechen hören? Die schreiben sich sicherlich zu Hause auf, wann sie „Hört! hört!“ rufen … ja, also wenn du denn frei sprechen musst:
Sprich wie du schreibst. Und ich weiß wie du schreibst. Sprich mit langen, langen Sätzen – solchen, bei denen du, der du dich zu Hause, wo du ja die Ruhe, deren du so sehr benötigst, deiner Kinder ungeachtet, hast, vorbereitest, genau weißt, wie das Ende ist, die Nebensätze schön ineinander geschachtelt, so dass der Hörer, ungeduldig auf seinem Sitz hin und her träumend, sich in einem Kolleg wähnend, in dem er früher so gern geschlummert hat, auf das Ende solcher Periode wartet… nun, ich habe dir eben ein Beispiel gegeben. So musst du sprechen.

Fang immer bei den alten Römern an und gib stets, wovon du auch sprichst, die geschichtlichen Hintergründe der Sache. Das ist nicht nur deutsch – das tun alle Brillenmenschen. Ich habe einmal in der Sorbonne einen chinesischen Studenten sprechen hören, der sprach glatt und gut französisch, aber er begann zu allgemeiner Freude so: „Lassen Sie mich Ihnen in aller Kürze die Entwicklungsgeschichte meiner chinesischen Heimat seit dem Jahre zweitausend vor Christi Geburt…“ Er blickte ganz erstaunt auf, weil die Leute so lachten. So musst du das auch machen. Du hast ganz recht: man versteht es ja sonst nicht, wer kann denn das alles verstehen, ohne die geschichtlichen Hintergründe … sehr richtig! Immer gib ihm Historie, immer gib ihm.

Kümmere dich nicht darum, ob die Wellen, die von dir ins Publikum laufen, auch zurückkommen – das sind Kinkerlitzchen. Sprich unbekümmert um die Wirkung, um die Leute, um die Luft im Saale; immer sprich, mein Guter. Gott wird es dir lohnen.
Du musst alles in die Nebensätze legen. Sag nie: „Die Steuern sind zu hoch.“ Das ist zu einfach. Sag: „Ich möchte zu dem, was ich soeben gesagt habe, noch kurz bemerken, dass mir die Steuern bei weitem…“ So heißt das. Trink den Leuten ab und zu ein Glas Wasser vor – man sieht das gerne.
Wenn du einen Witz machst, lach vorher, damit man weiß wo die Pointe ist.

Eine Rede ist, wie könne es anders sein, ein Monolog. Weil doch nur einer spricht. Du brauchst auch nach vierzehn Jahren öffentlicher Rednerei noch nicht zu wissen, dass eine Rede nicht nur ein Dialog sondern ein Orchesterstück ist: eine stumme Masse spricht nämlich ununterbrochen mit. Und das musst du hören. Nein das brauchst du nicht zu hören. Sprich nur, lies nur, donnere nur, geschichtele nur.

Zu dem, was ich eben über die Technik der Rede gesagt habe, möchte ich noch kurz bemerken, dass viel Statistik eine Rede immer sehr hebt. Das beruhigt ungemein, und da jeder imstande ist, zehn verschiedene Zahlen mühelos zu behalten, so macht dies viel Spaß.

Kündige den Schluss deiner Rede lange vorher an, damit die Hörer vor Freude nicht einen Schlaganfall bekommen. (Paul Lindau hat einmal einen dieser gefürchteten Hochzeitstoaste so angefangen: „Ich komme zum Schluss.“) Kündige den Schluss an, und dann beginne deine Rede von vorn und rede noch eine halbe Stunde. Dies kann man mehrere Male wiederholen. Du musst dir nicht nur eine Disposition machen du musst sie den Leuten auch vortragen - das würzt die Rede. Sprich nie unter anderthalb Stunden, sonst lohnt es gar nicht erst anzufangen.

Wenn einer spricht, müssen die andern zuhören – das ist deine Gelegenheit. Missbrauche sie.


Kurt Tucholsky Biographie, Rowohlt Tb., 8,95 Eur.

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4 Responses to “Kurt Tucholsky und so.”

  1. Kurt Tucholsky zur Finanzkrise. at NYblog on October 29, 2008 17:18

    [...] Update zur Urheberschaft des [...]

  2. Finanzkrise - ein alter Hut « Webperle on October 30, 2008 9:28

    [...] Uuuups, das kommt davon, wenn man journalistengleich nicht gegenrecherchiiert ;-). Korrektur auf NYblog « Obama auf der Zielgeraden 70 Prozent [...]

  3. Kurt Tucholsky zur Finanzkrise | Medienblog München on November 4, 2008 20:07

    [...] den NYblog bin ich zwar zur einem Kommentar der Frankfurter Rundschau gelangt, die davon ausgehen, dass dieses [...]

  4. Michael on November 5, 2008 21:50

    Zitat; “denn Nomen wie Leerverkauf oder Derivat scheinen mir doch arg modern”.

    Salut-Hallo,

    leider hab ich keinen Zugang zur “Weltbühne” von 1930, aber vielleicht trotzdem ein Hinweis zur Wahrscheinlichkeit der Herkunft dieses Gedichtes. Der Börsenbegriff für Leerverkauf ist im Englischen “bear raid”. Der Begriff, und folglich auch das Konzept, existieren seit mind. 1870
    (vgl. http://dictionary.oed.com/cgi/entry/50018830/50018830se50?single=1&query_type=word&queryword=bear+raid&first=1&max_to_show=10&hilite=50018830se50).

    Die Begriffe “derivative action” (mind. 1934) und “derivative” in der Finanz-Bedeutung um die es hier geht (min. 1948) sind für Tucholsky durchaus bereits aktuell gewesen. Nur wir Laien haben bis heute keine Ahnung, was das eigentlich bedeutet und bewundern die Leute, die solche Begriffe verwenden - und unser Geld verbrennen, um diese Begriffe mit Leben zu füllen…

    In diesem Sinne: weiter so, die Herren ;-)

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